Kurzantwort

Warum reicht ein einfacher Wärmebildflug nicht aus?

Das Wärmebild einer PV-Anlage wird von Einstrahlung, Wolken, Wind, Betriebszustand, Aufnahmewinkel, Entfernung und Kameraeinstellungen beeinflusst. Ohne geeignete und dokumentierte Bedingungen können echte Auffälligkeiten verdeckt oder scheinbare Befunde erzeugt werden.

IEC TS 62446-3 schafft eine gemeinsame technische Grundlage. Sie beschreibt Anforderungen an Messausrüstung, Umgebungsbedingungen, Vorgehen, Bericht, Personalqualifikation und die Bewertung thermischer Auffälligkeiten bei PV-Anlagen im Betrieb.

01 · Einordnung

Technische Spezifikation statt Werbesiegel

Im Alltag wird oft von der ‚Norm IEC 62446-3‘ gesprochen. Formal handelt es sich um eine IEC Technical Specification. In Deutschland wurde sie als DIN IEC/TS 62446-3 beziehungsweise VDE V 0126-23-3 veröffentlicht.

Die Anwendung von DIN-Normen ist grundsätzlich freiwillig. Verbindlichkeit kann zum Beispiel durch Vertrag oder Rechtsvorschrift entstehen. Deshalb sollte vor dem Auftrag klar sein, ob eine allgemeine diagnostische Prüfung oder ein ausdrücklich daran ausgerichteter Bericht benötigt wird.

Wichtig

Die Bezeichnung nach IEC ist kein automatischer Qualitätsnachweis für einen beliebigen Drohnenflug. Entscheidend ist, ob die Anforderungen tatsächlich in Planung, Aufnahme, Auswertung und Bericht umgesetzt werden.

02 · Messbedingungen

Ungeeignetes Wetter kann Befunde verfälschen

Die Anlage muss in Betrieb und ausreichend solar belastet sein. Schnell wechselnde Bewölkung, stärkerer Wind, Regen, Verschattung oder ein instabiler Betriebszustand können Temperaturunterschiede abschwächen oder verändern.

Die Bedingungen werden nicht nur vor der Anfahrt, sondern auch während der Aufnahme beobachtet und dokumentiert. Wenn sie nicht geeignet sind, ist eine Verschiebung des Termins fachlich richtiger als ein formal vollständiger, aber wenig belastbarer Datensatz.

03 · Datenqualität

Auflösung ist mehr als eine Zahl im Kameradatenblatt

Der tatsächlich erkennbare Detailgrad hängt von Sensor, Optik, Abstand, Blickwinkel, Fluggeschwindigkeit und der Pixelzahl pro Modul ab. Ein zu hoher oder zu schneller Flug spart Zeit, kann kleine Auffälligkeiten aber unkenntlich machen.

Radiometrische Thermogramme bewahren die Messwerte für eine spätere Analyse. Ergänzende RGB-Aufnahmen zeigen Modul, Verschmutzung, Schatten, mechanische Hindernisse oder sichtbare Schäden und machen den thermischen Befund vor Ort auffindbar.

04 · Auswertung

Die Kamera misst Temperatur – die Bedeutung bewertet der Mensch

Ähnliche thermische Muster können unterschiedliche Ursachen haben. Ein Hotspot kann mit einer Zelle, einem Kontakt, Verschattung oder Verschmutzung zusammenhängen. Deshalb darf aus einer farbigen Stelle nicht automatisch auf ein defektes Modul geschlossen werden.

Eine fachgerechte Bewertung trennt beobachtete Auffälligkeit und mögliche Ursache. Die elektrische Diagnose sowie Messungen auf DC- und AC-Seite bleiben Aufgabe einer Elektrofachkraft.

05 · Bericht

Jede Fundstelle muss später wiedergefunden werden

Ein guter Bericht ist mehr als eine Bildergalerie. Er ordnet Thermogramm, RGB-Bild, Lage und Priorität zusammen und dokumentiert Technik, Vorgehensweise, Bedingungen und Grenzen der Aussage.

  • eindeutige Kennzeichnung von Modul oder Anlagenteil
  • radiometrisches Thermogramm mit zugehörigem RGB-Bild
  • Beschreibung des thermischen Musters ohne unbestätigte Ursache
  • Priorität der weiteren elektrischen oder visuellen Prüfung
  • dokumentierte Aufnahmebedingungen und Einschränkungen
  • bei größeren Anlagen eine übersichtliche Fundstellenkarte

06 · Nutzen

Warum der standardisierte Ablauf dem Betreiber hilft

Ein nachvollziehbarer Ablauf verbessert Vergleichbarkeit, Wiederholbarkeit und Kommunikation zwischen Betreiber, Servicebetrieb, Planer und Hersteller. Er reduziert das Risiko, dass Fundstellen nicht mehr auffindbar sind oder Bilder unter ungeeigneten Bedingungen überinterpretiert werden.

Bei LPPJ werden radiometrische Daten mit RGB-Aufnahmen und eindeutiger Lokalisation verbunden. Die Auswertung erfolgt durch einen zertifizierten Techniker für Thermografiediagnostik, Kategorie I; der Umfang eines ausdrücklich an IEC TS 62446-3 ausgerichteten Berichts wird vorab vereinbart.

07 · Vor der Beauftragung

Fünf Fragen an den Anbieter

Mit diesen Fragen lässt sich eine reine Bildaufnahme von einer nachvollziehbaren thermografischen Prüfung unterscheiden.

  • Wie werden die Messbedingungen geprüft und dokumentiert?
  • Erhalte ich radiometrische Daten oder nur farbige Bilder?
  • Ist jeder Befund mit RGB-Bild und genauer Position verknüpft?
  • Welche Qualifikation hat die auswertende Person?
  • Was enthält der Bericht und wie werden Fundstellen priorisiert?

Offizielle Quellen

Dokumente zur fachlichen Einordnung

IEC TS 62446-3:2017 – Photovoltaic (PV) systems – Requirements for testing, documentation and maintenance – Part 3: Photovoltaic modules and plants – Outdoor infrared thermography. Offizielle Beschreibung: https://webstore.iec.ch/en/publication/28628

DIN – Informationen zur freiwilligen Anwendung und möglichen Verbindlichkeit von Normen: https://www.din.de/de/ueber-normen-und-standards/normen-und-recht

Häufige Fragen

Das sollten Sie vor der Beauftragung wissen

Ist IEC TS 62446-3 gesetzlich vorgeschrieben?

Nicht allgemein. DIN weist darauf hin, dass Normen grundsätzlich freiwillig angewendet werden; verbindlich können sie durch Vertrag oder Rechtsvorschrift werden.

Ersetzt Thermografie die elektrische Prüfung?

Nein. Sie lokalisiert thermische Auffälligkeiten. Die Ursache und elektrische Sicherheit muss eine Elektrofachkraft mit geeigneten Messungen bestätigen.

Was sollte ein Bericht enthalten?

Mindestens nachvollziehbare Messbedingungen, verwendete Technik, radiometrische Thermogramme, passende RGB-Bilder, eindeutige Positionen, Prioritäten und Grenzen der Interpretation.

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